Sind wir jetzt eigentlich digitalisiert?

Durch die Corona-Pandemie ist in der Welt vieles möglich geworden, was zuvor nicht möglich erschien.

Viele Menschen können heute von zu Hause aus arbeiten, statt im Büro präsent sein zu müssen. Statt unnötig langer Dienstreisen zu teilweise unnötig langen Sitzungen »zoomt« man miteinander. Selbst Vorlesungen an Hochschulen laufen seitdem Sommersemester digital ab. Auch in der Landwirtschaft und im Weinbau wurde deutlich, welche Chancen digitale Lösungen gerade jetzt bieten. Ob beim Vertrieb über Online-Shops, der Vermittlung von Erntehelfern oder der Fernwartung von Landmaschinen, digitale Technologien und Anwendungen helfen, besser aus der Krise zu kommen.

Ist das jetzt also die Digitalisierung, über die wir schon so lange reden? Experten bestätigen, dass wir durch die Corona-Krise in Sachen Digitalisierung einen sehr großen Schritt nach vorne gegangen sind. Ihrer Meinung nach jedoch nicht, weil es plötzlich digitale Dienste oder neue Soft- oder Hardware gibt – die existierten auch vorher schon –, sondern weil die Menschen ihr Verhalten ändern und diese technischen Möglichkeiten nun auch nutzen. Trifft diese Feststellung aber auch für die Landwirtschaft und den Weinbau zu, denen beim Thema Digitalisierung eine gewisse Vorreiterstellung nachgesagt wird? Zwar sagt man dem Weinbau nach, in manchen Punkten eher konservativ und skeptisch gegenüber Veränderungen zu sein. Die neue Generation wächst jedoch mit digitalen Techniken auf und nimmt sie an bzw. wird diese annehmen. Probleme bestehen aber noch an anderer Stelle. Bei einem Blick in die Erklärung, die der Deutsche Weinbauverband im Rahmen seines letzten Internationalen DWV-Kongresses zum Thema Digitalisierung verabschiedet hat, erkenne ich einige Herausforderungen, die weiterhin aktuell sind. Eine umgehende Verbesserung der digitalen Infrastruktur wurde gefordert, um einen »smarten« Weinbau verwirklichen zu können. Im Weinberg ist die Infrastruktur weiterhin ein Problem, das GPS bricht teilweise immer wieder ab, die weißen Flecken bei der notwendigen mobilen und festnetzgebundenen Breitbandversorgung bestehen weiterhin. Die EU-Kommission hat in der vergangenen Woche die Mitgliedstaaten aufgefordert, die Investitionen in die Infrastruktur für Breitbandverbindungen mit sehr hoher Kapazität, einschließlich 5G, zu verstärken. Dieser Aufforderung muss zeitnah nachgekommen werden, um neu entwickelte Technologien im Weinberg tatsächlich nutzen zu können.

Grundlagenforschung ist im Allgemeinen sehr wichtig. Damit der Fortschritt aber tatsächlich beim Winzer ankommt, ist eine praxisorientierte Forschung erforderlich. Die Einrichtung von 14 digitalen Experimentierfeldern durch das BMEL ist hier ein zielführender Weg. In einem dieser Experimentierfelder, dem Projekt »DigiVine«, werden digitale Techniken im Weinbau und ihre Praxistauglichkeit in verschiedenen Anwendungsfällen getestet. Im Zusammenhang mit der gerade stattfindenden Weinlese werden drei Anwendungsfälle getestet: Zum einen wird eine Onlineertragserfassung durch geeignete Sensoren auf dem Traubenvollernter zur Bestimmung des Ertrags pro Flächeneinheit getestet. Künftig soll außerdem die sensorgestützte Erkennung von gesunden Stöcken und gesundem Lesegut eine selektive mechanische Lese mit dem Traubenvollernter ermöglichen. Die Entwicklung eines Handsensors zur störungsfreien Bestimmung der Traubenreife gehört auch zu den Anwendungsfällen.

Aber noch einmal zurück zu meiner Ausgangsfrage, ob wir denn jetzt eigentlich digitalisiert sind? Sicherlich noch nicht, aber die derzeit laufenden Aktivitäten und Entwicklungen lassen mich positiv in die Zukunft schauen. Bemängelt wird jedoch oft, dass noch zu wenig Experten auf dem Gebiet der Digitalisierung zur Verfügung stünden. Der Schwerpunkt in der Ausbildung an den Hochschulen muss daher noch stärker auf das Thema Digitalisierung gelegt werden.