SPERRFRIST: 15.00 Uhr - Massive Kritik an Brüsseler Weinpolitik Bericht zur Lage von Präsident Norbert Weber anlässlich der Mitgliederversammlung des Deutschen Weinbauverbandes am 31. Mai 2006 in Berlin

In den Mittelpunkt seines Berichtes zur Lage stellte DWV-Prä­sident Norbert Weber die Reformüberlegungen der Europäi­schen Weinmarktorganisation. „Die bisher bekannt gewordenen Überlegungen der EU-Kommissarin müssen noch erheblich verändert werden, wenn sie nicht auf die totale Ablehnung der deutschen und übrigen europäischen Weinerzeugerorganisa­tionen stoßen sollen!“ stellte Weber klar.

Seine Kritik bezog sich insbesondere auf Vorveröffentlichungen des für den 21. Juni angekündigten Berichtes der EU-Kommis­sarin Fischer-Boel. Weber sprach sich hierbei für den Erhalt der speziellen Weinregelungen aus und lehnte eine Integration in die allgemeine Agrarpolitik mit Entkoppelungsmaßnahmen ab, die „mit einer Gießkanne über die Europäischen Rebflächen vertröpfelt werden. Weber forderte ein Instrumentarium von verschiedenen Maßnahmen, die nicht mehr zentral von Brüs­sel, sondern überwiegend in den Mitgliedstaaten und Weinbau­regionen je nach Bedarf eingesetzt werden können. „Mehr Subsidiarität, mehr Verantwortung vor Ort!“ forderte Weber. „In den Weinbauregionen müssen Strukturprogramme aufgelegt werden, nicht in Brüssel.“

Viel Diskussionsbedarf sieht Weinbaupräsident bei der Liberali­sierung von oenologischen Verfahren, wie sie die EU-Kommis­sion vorsieht. „Der DWV tritt für eine international respektierte Definition von Wein und seinen Herstellungsnormen ein, die von der Internationalen Weinorganisation (OIV) definiert wer­den sollte. Verfahren, die den Wein zu einem Industrieprodukt machen, sollten verboten bleiben. Hierzu zählen insbesondere Verfahren, die Wein wie andere Lebensmittel auch zu einem „technischen Designer-Produkt“ machen und ihm seinen Cha­rakter als Agrar-, Natur- und Kulturprodukt rauben“, umriss We­ber seine Position. Die Überlegungen in der EU-Kommission, die Chaptalisierung zu verbieten, lehnte Weber kategorisch als Angriff auf traditionelle Herstellungsverfahren ab.

Weber forderte die EU-Kommission erneut auf, endlich enga­gierter die Interessen der europäischen Weinerzeuger bei den internationalen und bilateralen Handelsabkommen zu vertreten. „Die Verhandlungen mit den USA waren ein Desaster und das Handelsabkommen mit Australien wird genauso miserabel aus­gehandelt.“ Weber bemängelte, dass die EU-Kommission im Rahmen der Weinmarktreform keine Exportstrategie entwickelt, sondern im Gegenteil die Schleusen für Importe weiter öffnet. „Die Herstellung von Wein in Europa aus Mosten, die aus Dritt­ländern importiert werden, lehnen wir energisch ab. Das gleiche gilt für den Verschnitt von Überseeweinen mit europäischen Weinen!“ Beides wolle die EU-Kommission gestatten.

 

Hinsichtlich des EU-Budgets zur Finanzierung der Europäi­schen Weinmarktorganisation forderte der Weinbaupräsident eine radikale Umschichtung zugunsten von Struktur– und Marktförderungsmaßnahmen aller europäischen Weinbaure­gionen und zu Lasten der Tafelweindestillation im Süden Euro­pas! Statt Geld für Weinvernichtung auszugeben, sollten die Verbraucher über die Vorzüge eines moderaten Weinkonsums informiert werden, meinte Weber.

In diesem Zusammenhang setzte sich der Weinbaupräsident kritisch mit der Alkoholpolitik der Europäischen Union ausein­ander. „Probleme eines Alkoholmissbrauchs in bestimmten so­zialen Gesellschaftsgruppen können und dürfen nicht durch eine Verteufelung jeglichen Konsums alkoholischer Getränke gelöst werden, sondern bedürfen gezielter Aufklärungs- und Vorsorgemaßnahmen. Die Europäische Union hat kein Recht, die Mehrzahl der gesundheitsbewussten Konsumenten durch eine pauschalierende Alkoholpolitik zu belasten, die sich aus dem Gedankengut der Prohibition und der gescheiterten Alko­holmonopole speist!“

Positiveres wusste der Weinbaupräsident von der Marktlage für deutsche Weine zu berichten. Mit seiner Leitrebsorte Riesling hat der deutsche Wein einen deutlichen Imagegewinn sowohl auf wichtigen Auslandsmärkten wie den USA als auch auf dem Inlandsmarkt zu verzeichnen. „Nach dem Rotweinboom der Jahrhundertwende kommt nun eine Renaissance der elegan­ten, fruchtigen Weißweine mit Riesling an der Spitze“, umriss Weber jüngste Marktentwicklungen.

Im Hinblick auf die Globalisierung der Weinmärkte sprach sich der DWV-Präsident dafür aus, „nicht immer nur an gleiche Wettbewerbsbedingungen, sondern auch an die Chancen der Differenzierung zu denken“. Für die Weine im Preiseinstiegs­segment sind nach seiner Meinung gleiche Herstellungsbedin­gungen zwischen der Europäischen Union und der Neuen Welt herbeizuführen. Für deutsche Spezialitäten, wie zum Beispiel die Prädikatsweine, sollte jedoch „die Latte der Herstellungsre­geln höher gelegt werden“, um sich vom breiten Angebot abzu­setzen. In diesem Zusammenhang forderte Weber, neue oeno­logische Verfahren, wie z.B. die Verwendung von Holzchips, nicht für alle Weine in Deutschland zuzulassen. Der DWV habe den Meinungsbildungsprozess noch nicht abgeschlossen, wo die Grenze gezogen werden soll.

In seinem Bericht zur Lage ging Weber auch auf die anste­hende Änderung des deutschen Weingesetzes ein. Nach sei­nen Worten handelt es sich bei vielen Punkten um „technische Anpassungen“, die im großen Konsens beschlossen worden sind. Die Bundesverbände der deutschen Weinwirtschaft seien in intensiven Gesprächen, um die Finanzierungsmodalitäten für die deutsche Weinwirtschaft an die heutigen und zukünftigen Erfordernisse anzupassen.