Brüsseler Spitzen in der Europäischen Weinbau­politik DWV-Generalsekretär hält Vortrag auf Badischem Weinbautag

DWV-Generalsekretär Dr. Rudolf Nickenig kritisierte auf dem Badischen Weinbautag Entwicklungen in der Europäischen Weinbaupolitik. Seine Kritik bezog sich sowohl auf formale als auch auf inhaltliche Entwicklungen.

DWV-Generalsekretär Dr. Rudolf Nickenig kritisierte auf dem Badischen Weinbautag Entwicklungen in der Europäischen Weinbaupolitik. Seine Kritik bezog sich sowohl auf formale als auch auf inhaltliche Entwicklungen.

Aktuell versuche die EU-Kommission unter dem Mäntelchen der Entbürokratisierung und Vereinfachung von Rechtsvor­schriften ihre Zuständigkeiten zu Lasten des Europäischen Mi­nisterrats und des Europäischen Parlaments auszubauen. Dies treffe vor allem auf ihren Vorschlag zu, einundzwanzig Verord­nungen für die einzelnen agrarischen Produkte in einer einzi­gen Agrarverordnung zusammenzufassen und dabei ihre Kom­petenzen für den Erlass von Durchführungsbestimmungen zu erweitern. Zum anderen führe sie unter dem Heiligenschein der Basis-Demokratisierung und Transparenzbildung Internetbefra­gungen durch, um so die Mitsprache von Berufsverbänden zu verringern und ihre eigenen Spielräume zu vergrößern. Als geradezu mittelstandsfeindlich bezeichnete der Generalsekre­tär der deutschen Winzer die zunehmende Tendenz der Euro­päischen Kommission, nicht mehr (nur) die Verbände, die für ihre gesamte Branche ausgleichende Interessen vertreten, anzuhören, sondern Vertreter von großen Getränkekonzernen als Sprecher für den gesamten Sektor zu akzeptieren.

Die EU-Kommissarin Mariann Fischer Boel habe zwar Ge­sprächsbereitschaft zur Weinmarktreform signalisiert und viele Regionen besucht, aber man müsse abwarten, ob sie nur zu­gehört oder auch Argumente aufgenommen habe. In Kürze be­stünde eine Chance, dies zu überprüfen, da sie am 23. April nach Stuttgart zur INTERVITIS INTERFRUCTA käme, um auf der Öffentlichen Vortragsveranstaltung des Deutschen Wein­bauverbandes zur Weinmarktreform ihre Überlegungen und Schlussfolgerungen aus der bisherigen Diskussion darzulegen.

Dr. Nickenig begrüßte, dass die Beratungen im Euro­päischen Parlament trotz erheblicher Interessensunterschiede und über 600 Änderungsanträgen zum Reformbericht kürzlich zu einem Ergebnis geführt hätten, das die zentralen deutschen Interes­sen in zufrieden stellender Weise berücksichtige. Dies treffe auf die Beibehaltung der traditionellen Weinbereitungsverfahren, insbesondere der Anreicherung, sowie einer grundsätzlichen Neuausrichtung der Marktorganisation von der Interventions­mentalität zur Marktorientierung zu.

Der Generalsekretär warnte mit Blick auf die von der EU-Kom­mission geforderte Liberalisierung der Weinbereitungsverfah­ren, in einem schleichenden Prozess aus dem einzigartigen Kulturgut Wein ein beliebiges Industrieprodukt zu machen, das zwar dank technologischer Konfektionierung gut schmecke, aber den Bezug zu den traditionellen Weinkulturlandschaften verliere, die Grundlage für die Arbeit der Winzer, aber auch der Gastronomie, des gesamten Tourismusge­werbes und vieler anderer Handwerksbetriebe sei.

Der Generalsekretär bewertete es als gutes Zeichen in unserer Gesellschaft, dass immer mehr Menschen die Vorzüge eines moderaten Weinkonsums für ihr Wohlbefinden und als Be­standteil eines modernen Lebensstils entdeckten. Die jüngsten Marktzahlen belegten, dass sie insbesondere dem deutschen Wein vertrauen, der im letzten Jahr die stärksten Zuwachsraten bei den Einkäufen der Haushalte verzeichnete. Gemeinsam mit der Deutschen Weinakademie und den anderen Organisatio­nen der deutschen Wein- und Sektbranche werde der Deutsche Weinbauverband eine Initiative zur Förderung des gesund­heitsbewussten Weinkonsums und zur Warnung vor dem Miss­brauch alkoholischer Getränke starten. Hierbei solle insbeson­dere dem Kinder- und Jugendschutz ein besonderes Augen­merk gewidmet werden. Dr. Nickenig verwies darauf, dass dies ein wichtiges Thema auf dem 59. Weinbaukongress und der INTERVITIS INTERFRUCTA in Stuttgart sein werde. So werde der zuständige Generaldirektor der Generaldirektion SANCO Robert Madelin, die deutsche Drogenbeauftragte Sabine Bät­zing und der Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirates der Deutschen Weinakademie Professor Hans-Rüdiger Vogel nach Stuttgart kommen, um über Brüsseler und nationale Initiativen zu sprechen.