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Digitalisierung im Weinbau

Emotionaler Traditionsberuf trifft auf digitale Techniken und Automatisierung.

Technik im Weinberg – noch vor wenigen Jahren hätte man bei diesem Schlagwort Bilder von Traktoren, Kreiseleggen und Vollerntern im Kopf. Heute denkt man bei diesem Thema unweigerlich auch an Drohnen, Apps und Clouds. Der romantische Gedanke vom Winzer, der seinen Weinberg in purer Handarbeit bewirtschaftet und jede Traube beim Namen kennt, ist zwar bei vielen Verbrauchern noch verankert, doch solche Betriebe sind heute die Ausnahme.

Der Begriff Digitalisierung ruft bei Winzern und Winzerinnen unterschiedliche Reaktionen hervor: dem einen macht die Digitalisierung Angst, andere verdrängen die Entwicklung und nochmals andere packen die digitale Transformation aktiv an. Dabei ist die Digitalisierung in den vergangenen Jahrzehnten in vielen Bereichen mehr oder weniger unbemerkt zum vertrauten Alltagsbegleiter und Bestandteil moderner Gesellschaften geworden.

Doch wie weit ist die Digitalisierung in der Weinbranche vorangeschritten? Vieles, was woanders Zukunftsmusik ist, ist in der Landwirtschaft längst Realität. Autonom fahrende Landmaschinen, präzise Düngung durch Satellitensteuerung oder der Einsatz von Drohnen zur Fernerkundung von Weinbergen.

Weinbau 4.0, Precision Viticulture, digitale Transformation der Landwirtschaft, etc. sind Stichwörter, die inzwischen jeder gehört hat. Aber was genau stellt man sich darunter vor? Grundsätzlich muss man erstmal die zwei Begriffe Digitalisierung und Automatisierung unterscheiden, denn sie werden oft synonym oder sogar falsch benutzt.

Automatisierung bedeutet, bestimmte Arbeiten von Computern automatisch ausführen zu lassen. Also manuelle Arbeiten, die durch »Roboter« ersetzt werden, welche über die nötigen Sensoren verfügen, die Objekte sehen, fühlen und messen. Digitalisierung geht über Automatisierung hinaus. Sie umfasst neben der Automatisierung auch Lösungen, welche Tätigkeiten schneller, bequemer, einfacher und kosteneffizienter machen. Zum Beispiel der Einsatz Künstlicher Intelligenz beim Rebschnitt, der gerade in einem Forschungsvorhaben an der Mosel untersucht wird (ab S. 28).

Die meisten Digitalisierungslösungen umfassen wertvolle Werkzeuge, welche den Winzer bei einer Vielzahl von Tätigkeiten unterstützen. Wie etwa die Qualitätskontrolle der Trauben, Sortierung des Lesegutes, Überwachung der alkoholischen Gärung und vieles mehr. Für die Winzer und Winzerinnen ist letztlich entscheidend, dass die digitalen Techniken ihnen Vorteile und Erleichterung bringen, ihnen helfen, Ernten und Erträge zu sichern und gleichzeitig nachhaltiger und ressourcenschonender zu erzeugen.

Wein ist ein emotional aufgeladenes Produkt, dessen Herstellung viel Handwerk und Tradition beinhaltet. Wie passt das mit unserer hoch digitalisierten und automatisierten Welt zusammen? Meiner Meinung nach gut! Denn die Winzer und Winzerinnen, die hinter der ganzen Technik stecken, lassen sich von keiner Maschine oder Künstlichen Intelligenz ersetzen. Wein bleibt ein emotionales Produkt, welches die Verbraucher auch als solches schätzen. Technik und Emotionalität schließen sich nicht aus. Betriebe, die das verstanden haben und die die gegebenen Ressourcen nutzen, haben gute Chancen, auch die zukünftigen Herausforderungen zu meistern.